
Die Toten Hosen melden sich mit einem ihrer besten und kraftvollsten Alben zurück
Ein (unvollständiger) Überblick über 20 Jahre Karriere und Gedanken zum öffentlichen Bild der deutschen Punkband.
Silvano Cerutti
Vom ersten Ton ist zu hören, was man sich von einem guten Rock-Album erhofft: eine Band, die sich mit aller Kraft ins Zeug legt und doch geschmeidig bleibt. Die Songs sind scharf angebraten und saftig, die Texte gepfeffert, jeder Griff in die Saiten, jeder Schlag auf die Felle drängt vorwärts - eine Stimmung wie man sie mit einem durchgedrückten Gaspedal verbindet. Im ersten Text heisst es «weil du nur einmal lebst» - und schon der zweite Song ist eine ironische Antwort darauf. Das hätte man nicht erwartet, schon gar nicht von den
Toten Hosen.Höhepunkt als Katastrophe
Natürlich trugen die
Toten Hosen zu ihrem Image bei - mit ihren früheren Exzessen, vor allem aber mit fast krankhaftem Understatement. «Um musikalische Qualitäten ging es uns nie», gab Sänger Campino 1991 der Zeitschrift Tempo zu Protokoll. Gemeint war zwar nur, dass sich keiner der Musiker als besonders begnadet bezeichnen wollte, verstanden wurde es anders. Dabei hatte die Band zu diesem Zeitpunkt mit viel Herzblut «Learning English» eingespielt - eine Platte, auf der sie zusammen mit ihren Punk-Idolen deren grösste Hits neu aufnahm. Auf «Opium fürs Volk» (1996) setzte sich die Band mit der (christlichen) Religion auseinander, was gelegentlich etwas plakativ geriet und danach kams knüppeldick. Die Toten Hosen wurden geschüttelt von persönlichen Schicksalsschlägen und dem Tod eines Fans: Ausgerechnet beim gross aufgezogenen 1000-sten Konzert starb eine junge Frau im Gedränge vor der Bühne. Die Hosen sagten alle weiteren Konzerte ab, um sich in einem vorsichtigen Prozess auf die Bühnen zurück zu tasten. Dass der Band der Sinn nicht nach Unbekümmertheit stand, kam in «Unsterblich» (1999) zum Ausdruck. Das Album war geprägt von auffallend vielen ruhigen Songs, obwohl es mit einer Hymne gegen den FC Bayern auch einen herzhaften Brüller lieferte.Do-it-yourself
Im Interview zum neuen Album zeigt sich Bassist Andreas Meurer als ruhiger Mensch, der differenzierte Antworten gibt. Ungewöhnlich in einem Geschäft, in dem jede Möglichkeit zur Glorifizierung ergriffen wird. «Wir hatten den Plan, es mehr krachen zu lassen, wir wollten bewusst schnellere Stücke schreiben. Letztlich kommt es zwar so raus, wie es in dir drin ist, aber du kannst es steuern. Wir hatten bei den Aufnahmen zu dieser Platte natürlich auch Stücke, die langsamer waren. Die haben wir dann einfach liegen gelassen.» Als eine Antwort auf die nachdenklichen Alben dürfe man «Auswärtsspiel» nicht verstehen. «Die Spielfreude kommt wohl daher, wie wir die Platte angegangen sind. Wir haben uns in Spanien ein Haus gemietet und uns eingeschlossen. Wären wir in Düsseldorf geblieben, wären wir zu sehr abgelenkt gewesen von den alltäglichen Sachen.» Die Lockerheit hat zu Songs wie «Schwimmen» geführt. Die Hosen trommeln auf diversen Metallteilen und beschwören dabei ein so ursprüngliches «Do-it-yourself»-Punkgefühl herauf, wie man es heute nicht mehr zu finden erwartet. Die Lockerheit beim ersten Hören täuscht, «Auswärtsspiel» ist komplex. Die Witze («Graue Panther», «Kanzler sein . . .») sind besser geworden, das obligate Trinklied klang schon euphorischer und «Venceremos - wir werden siegen» ist gar eine Art nüchterne Reportage aus Castros Kuba, wenn auch der hymnische Refrain einen schalen Nachgeschmack hinterlässt. Kurz: die
Toten Hosen sind noch immer zu Scherzen aufgelegt, aber sie sind (längst) erwachsen geworden. Vielleicht wird das jetzt sogar zur Kenntnis genommen.
Link zur offiziellen Homepage der Band
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Copyright Andreas Meier
Mittwoch, Oktober 09, 2002